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Mobilität, Austausch und Zukunftsfähigkeit

Von Hans Peter Hahn

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.“ Mit diesen einfachen Worten brachte Matthias Claudius im späten 18. Jahrhundert den Wert von Mobilität zum Ausdruck. Allerdings ist Migration eine ganz andere Unternehmung als eine Reise, und die Möglichkeit, was zu verzählen“, greift zu kurz, nimmt man die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft in den Blick.

Aber dennoch steckt eine Wahrheit darin, und viele aktuelle Wahrnehmungen von Migration unterschlagen eben diese positive Seite der Mobilität. Denn das andernorts entdeckte Neue und die Innovationsbereitschaft einer Gesellschaft sind viel enger verbunden, als häufig angenommen. 

Gute Mobilität, schlechte Mobilität?

Kaum ein Phänomen ist heute so sehr von Vorurteilen behaftet wie die Mobilität. Zum Beispiel dominieren im Tourismus einseitig positive Bewertungen ebenso wie im Zusammenhang mit international beschäftigten Fachkräften. Die Anwesenheit solcher Expats‘ gilt als ein positives Signal für die Wirtschaft. Am anderen Ende der Bewertungsskala hingegen stehen Arbeitsmigranten, Flüchtlinge oder gar Sozialtouristen‘, die weithin als eine Belastung oder Bedrohung für die Gesellschaft gelten. 

Die hier beispielhaft angeführten Kategorien Expat, Arbeitsmigrant und Tourist sind jedoch viel weniger klar voneinander zu trennen, als es den Anschein hat. Wer etwa als Parameter die Kosten der Reise anlegt, stellt fest, dass viele Migranten weit mehr Mittel aufwenden als etwa Touristen. Auch die Dauer des Aufenthaltes ist ungeeignet, um zwischen einer vermeintlich positiven oder negativen Mobilität zu unterscheiden. So halten sich internationale Fachkräfte genauso wie Migranten eher länger am Zielort auf, während eine eher kurze Aufenthaltsdauer sowohl bei Arbeitsmigranten aus EU-Ländern wie bei Touristen auszumachen ist. Auch andere Kriterien sind ungeeignet, um eine eindeutig positive von einer eindeutig negativen Mobilität zu scheiden. Das gilt etwa für die Rückkehrabsicht: Wie viele Migranten machen sich auf den Weg ohne klare Pläne für die Zukunft? Wie viele der Expats akzeptieren nach einem ersten Vertrag gleich einen weiteren?

Vorurteile und ihre Geschichte

Die widersprüchlichen Bewertungen von Mobilität sind eine Folge bestimmter, historisch gewachsener Vorurteile. Gesellschaften in Europa blicken auf eine Phase des Erstarkens territorial verfasster Nationalstaaten zurück. Die Idee einer Nation mit einheitlicher Sprache, zentraler Regierung und klar markierten Grenzen setzte sich im 19. Jahrhundert durch und trug zu den Kriegen des 20. Jahrhunderts bei. In diesem Zeithorizont erstarkte auch die Vorstellung von einer lokalen Verwurzelung, von der Notwendigkeit, sich auf eigene spezifische Traditionen zu berufen und in einem geografisch abgeschlossenen Gebiet zu siedeln. Doch ein Blick auf die Jahrhunderte europäischer Geschichte davor zeigt ein anderes Bild: So war zum Beispiel die französische Sprache lange ein gesamteuropäisches Idiom. 

Überhaupt ergibt die Perspektive auf die Weltgeschichte insgesamt eine ganz andere Bewertung der Mobilität. Viele Phänomene der Gegenwart sind überhaupt erst durch mobile Gruppen nach Europa gekommen. Das gilt für so Unterschiedliches wie die Idee der Landwirtschaft, die mit Migranten aus dem Vorderen Orient nach Mitteleuropa kam, und für viele Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln und Mais, die Reisende aus Amerika nach Europa brachten. Auch gemünztes Geld und gebrannte Ziegelsteine gibt es in Mitteleuropa erst, seitdem es römische Besatzer und ihre Fachkräfte‘, also die Expats‘ jener Zeit, eingeführt haben.

Ebenso zentral wie fragwürdig im Zusammenhang mit dem Nationalstaatenbegriff ist die Idee von einer homogenen Bevölkerung. Die Überzeugung, ein Staat funktioniere am besten, wenn alle dieselbe Sprache sprechen, derselben Religion angehören und auch darüber hinaus möglichst viele kulturelle Praktiken teilen, konterkarieren etwa die Schweiz und Kanada. Ein weiterer Blick in die Geschichte lehrt, dass Gesellschaften schon immer sehr gut damit gelebt haben, Minderheiten mit bestimmten Berufen zu integrieren. Dies betrifft die Metöken im antiken Griechenland genauso wie die auf handwerkliche Berufe spezialisierten Hugenotten im 17. und 18 Jahrhundert in Deutschland. Damals war die religiöse und sprachliche Minderheit willkommen, weil sie im Ruf stand, die Wirtschaft anzukurbeln.

Vorteile gegenwärtiger Heterogenität

Heute wäre sich diese Sichtweise wieder anzueignen: Der Austausch von Wissen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen ist die beste Voraussetzung für soziale und technologische Innovation. Kreativität und Zukunftsfähigkeit beruhen vielfach auf gesellschaftlicher Heterogenität. Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Erfahrungen stellen die beste Basis dar, um Fragen der Gegenwart mit zukunftsweisenden Lösungen zu beantworten. 

Solange Integrationsbemühungen auf der Vorstellung beruhen, kulturelle Differenz zu negieren und Einheitlichkeit zu schaffen, streben sie einem unerreichbaren Ziel entgegen. Eine auf diese Weise falsch verstandene Integration muss scheitern. So sicher es ein Vorteil ist, zum Beispiel die deutsche Sprache zu erlernen, so wesentlich ist zugleich auch, im Prozess der Integration den Respekt vor unterschiedlichen Kulturen einzuüben. Transnationale Identitäten, Menschen die Erfahrungen zweier Länder in sich verbinden, sind heute Normalität. 

Der Begriff des Fremden‘ ist wenigstens so ambivalent wie die Mobilität von Menschen. Einerseits übt das Fremde als das Exotische‘ eine besondere Anziehungskraft aus. Andererseits unterstellt die Rede vom Fremden eine stabile Distanz zwischen Kulturen, die es so nicht gibt. Wer ein bestimmtes Kulturelement als fremd oder eine Gruppe von Menschen als Fremde‘ bezeichnet, formuliert einen Widerspruch. Fremdheit ist die Zuweisung einer Eigenschaft, die nur subjektiv und vorübergehend gelten kann. Schon im Moment des Nachdenkens über elementare Merkmale des Fremden ist der Begriff nicht mehr angemessen: Weil der Sprecher nun doch schon einiges Erfahren hat über den Anderen, der gerade noch fremd war.

Wie ein kulturvergleichender Blick zeigt, sind Gesellschaften schon immer darauf angelegt, mit kulturellen Differenzen zu leben. Die unterschiedliche Bewertung von Heterogenität oder aber Homogenität ist das Ergebnis historischer Entwicklungen. Heute ist es an der Zeit, sich wieder an Vorteile des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen zu erinnern. Das Miteinander kann eine entscheidende Ressource für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft sein.

© Hans Peter Hahn

Hans Peter Hahn ist Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität in Frankfurt a. M. Er beschäftigt sich mit Migration und Mobilität, der Bedeutung ethnologischer Museen, Materieller Kultur und Konsum sowie Globalisierungsfragen. Sein regionaler Schwerpunkt ist Westafrika (Burkina Faso, Ghana, Togo). Zudem berät er als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats das Humboldt-Forum in Berlin.