© Gerhard Kassner

Gemeinschaft in der Stille

Von Anne Haeming

Die schweigenden Typen, die der Fotograf Esko Männikkö in der finnischen Pampa fotografiert, leben wie er selbst: Sie jagen, sie fischen, sie sind. Seine Serie The Female Pike“ ist somit wie ein Selbstportrait.

Die Mütze noch auf dem Kopf, die wattierte Jacke zugeknöpft bis oben, die grauen Wollsocken über die Hosenbeine gezogen: Der Mann auf dem schmalen Holzbett lehnt sich zurück und zieht an seiner Zigarette, der Hund neben ihm schläft. Über ihnen an der Wand gleich zwei Kalender, die zeigen, was man sowieso ahnt: Bilder von blaukalten Schneelandschaften. Es ist Winter in Mittelfinnland, drinnen eine Szene, als sei seit Stunden kein Wort gefallen in dem Raum. 

The Female Pike”

Die Männer auf seinen Bildern sitzen meist vor Öfen, die hohen Stiefel stehen mindestens in Reichweite bereit, sie füttern Lämmchen während sie schmöken oder flicken Fischernetze, die sie provisorisch an die Decke neben die Lampe gehängt haben. Es sind Momente des Wartens: darauf, dass ihnen warm genug ist, um wieder rauszugehen. Um zu fischen, zu jagen, zu sein.

Ich bin selbst in einem solchen Dorf aufgewachsen und lebe noch immer so“, sagt Männikkö. Auch ich jage und fische und trinke gerne Bier. Ich bin einer von ihnen.“ Es sind Varianten von Selbstportraits, die der Endfünfziger, der auf dem Land bei Oulu in Mittelfinnland lebt, in seinem Schaffen zeigt. Man sieht es der Gelassenheit der Protagonisten auf seinen Bildern an: Der Fotograf ist hier kein Außenseiter, er gehört dazu. Er kennt die Lebenswelt, den Alltag, den er abbildet. Und die, die er zeigt, wissen das.

Ein finnischer Flaneur

Und doch ist die Präsenz dieses Fischs alles andere als arbiträr: Es gibt einfach viel Hecht“, sagt Esko Männikkö lapidar. Es ist nicht schwer, ihn zu fangen.“ Der Pike“ ist wie ein Symbol: Er ist so normal wie der Alltag der Typen auf seinen Fotos. Sie ziehen mit Freunden los oder alleine, bringen Netze aus, gehen dann zurück in ihre Stuben.

Und dieses Drinnen ist unübersehbar ein Echo aufs Draußen: Rote Wände, rote Sessel, rote Schüsseln, rote Bettwäsche – die Farben auf Männikkös Fotos sind eigene Kompositionselemente. Es ist, als wollten die Menschen so der Stille drumherum etwas entgegensetzen. In Helsinki sieht man nichts davon“, sagt er, da ist das Leben auf den Straßen nur Schwarz und Grau“. 

Das Leben im Draußen

Vor allem aber sind seine Bilder durchzogen von einer schweigenden Übereinkunft, wie beim Jagen und Fischen: eine Gemeinschaft in der Stille. Sie spiegelt sich etwa auch in der Serie Organized Freedom“, an der er seit 1999 arbeitet, oder Time Flies“. Er portraitiert den Verfall: verlassene Häuser in kleinen Kommunen, verrottende Grabsteine, die Abwesenheit von Menschen. Alles steht noch genauso da, als würden sie noch in den Fotoalben auf den Tischen blättern, als hätten sie sich gerade einen Kaffee eingeschenkt und seien nur mal eben ins andere Zimmer gegangen.“ Auch wenn diese Bilder in der finnischen Pampa entstanden, seien sie universell, so Männikkö: Das passiert in Brasilien wie in Portugal: Die Leute ziehen vom Land in die Stadt.“ 

Er wehrt sich dagegen, seine Serien politisch verstanden zu wissen, ein Anthropologe sei er auch nicht. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich will einfach nur schöne Bilder machen“, sagt Männikkö. 

Dass er weit draußen lebt, das Leben im Draußen seine Bilder prägt, ist unübersehbar. Er sei nun einmal am liebsten in der Natur, ziehe durch den Wald, seine neueste Serie zeigt kaputte Bäume, er verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Ich fing als Naturfotograf an. Jetzt kehre ich wieder zu den Wurzeln zurück“, sagt Esko Männikkö. Und ich bin und bleibe Jäger. Nun jage ich Bilder.“


Bildnachweis: © alle Bilder: Esko Männikkö; Courtesy the Artist and Galerie Nordenhake Berlin / Stockholm
Galeriebilder: 1. Kuivaniemi, 1991, C-print, 67 x 82 cm, 2. Kuivaniemi, 1991, C-print, 80 x 65 cm, 3. Kuivaniemi, 1994/97, C-print, 55 x 65 cm, 4. Sodankylä, 1995, C-print, 71x 62cm , 5. Kuivaniemi, 1991/2001, C-print, 71 x 60 cm, 6. Savokoski, 1994/97, C-print, 60 x 70 cm.

Foto: privat

Eskö Männikkö, geboren 1959 in einem Dorf in Mittelfinnland, lebt und arbeitet auf dem Land bei Oulu. Er bildet in seinen Fotografien jene Ruhe ab, mit der er aufgewachsen ist, umgeben von Wäldern und Seen. Sich selbst bezeichnet er als Naturfotograf und tatsächlich ist die Stille der Landschaft in seinen Langzeitserien omnipräsent, in den verfallenen Geisterhäusern von Organized Freedom“, den bröckelnden Grabsteinen in Time Flies“ oder dem Ausharren seiner Protagonisten von The Female Pike“.

Foto: privat

Anne Haeming ist freie Journalistin. Sie schreibt vor allem über Literatur, Fotografie, Film, Kunst und die Medienbranche. Sie hat über postkoloniale Literatur promoviert und lebt in Berlin.